Leitfaden für Hosting-Provider

DMCA-Mails für
Nicht-US-Hoster

Was steckt wirklich dahinter, was gilt rechtlich – und warum ihr in den meisten Fällen gar nichts tun müsst.

Stand: 2025 · Gilt für: EU / DE / AT / CH / International

01 / Was ist DMCA überhaupt?

Der Digital Millennium Copyright Act (DMCA) ist ein US-amerikanisches Bundesgesetz aus dem Jahr 1998. Er schützt US-amerikanische Urheberrechtsinhaber und regelt, wie US-Plattformen auf Urheberrechtsverletzungen reagieren müssen. Er ist ein Gesetz der Vereinigten Staaten von Amerika – und nur dort.

Konkret enthält er in Section 512 eine sogenannte Safe-Harbor-Regelung: US-Plattformen sind vor Haftung geschützt, wenn sie Inhalte auf Meldung hin zügig entfernen (Notice & Takedown). Diese Meldungen kennt ihr als „DMCA Takedown Notice".

Der DMCA gilt ausschließlich im US-amerikanischen Rechtsraum. Er verpflichtet Unternehmen außerhalb der USA zu überhaupt nichts. Kein deutsches Gericht, kein EU-Gericht, kein schweizerisches Gericht hat jemals DMCA-Compliance von einem ausländischen Hoster verlangt.

02 / Die unbequeme Wahrheit über DMCA-Mails

Rechtlich wirkungslos

Wer euch als deutschem, österreichischem oder sonstigem europäischen Hoster eine DMCA-Notice schickt, sendet euch im Grunde ein rechtlich bedeutungsloses Schreiben. Es ist, als würde jemand aus Japan einen Brief schreiben und euch auf japanisches Steuerrecht hinweisen – ihr müsst da gar nichts.

Das bedeutet nicht, dass Urheberrecht in der EU keine Rolle spielt. Das tut es – aber es hat eigene Rechtsgrundlagen:

Keine dieser Rechtsgrundlagen verweist auf den DMCA oder erkennt ihn an.

03 / Warum bekommt ihr diese Mails trotzdem?

Es gibt mehrere Gründe, warum Massensender von DMCA-Notices blind weltweit verschicken:

a) Automatisierte Massenversendung

Rechteinhaber-Anwaltskanzleien und spezialisierte Dienstleister wie MarkMonitor, Entura, BayTSP oder Degban betreiben Crawling-Tools, die automatisch Inhalte im Netz aufspüren und DMCA-Notices an alle IP-Besitzer versenden – ohne Rücksicht darauf, ob der Empfänger US-Jurisdiktion unterliegt. Das kostet pro Mail Bruchteile eines Cents. Ihr seid Kollateralschaden eines Massenanschreibens.

b) Soziale Druckwirkung

Viele Hoster reagieren aus Unwissenheit oder Angst und entfernen Inhalte, obwohl sie das nicht müssen. Das ist das eigentliche Ziel: Compliance durch Einschüchterung, nicht durch Recht.

c) Hoffnung auf freiwillige Kooperation

Manche Rechteinhaber hoffen, dass ihr freiwillig kooperiert. Das ist legitim – aber eben nur ein Wunsch, keine Pflicht.

Einige Mails enthalten explizit falsche Aussagen wie „Sie sind rechtlich verpflichtet zu antworten" oder „Nichtreaktion gilt als Schuldanerkenntnis". Das ist Unsinn. Es gibt keinerlei internationale Verpflichtung zur Reaktion auf DMCA-Notices.

04 / Was gilt bei euch wirklich?

Als Hoster außerhalb der USA habt ihr Pflichten – sie heißen nur anders und kommen aus anderen Gesetzen.

Gilt für euch in der EU (DSA / TMG / DDG):

Anforderung DMCA (US) EU / DSA / UrhG
Gilt für euch als EU-Hoster? Nein Ja
Automatische Löschpflicht auf Meldung? Ja (für US-Firmen) Nein – Prüfpflicht
Antwortpflicht gegenüber Rechteinhabern? Ja (für US-Firmen) Nein
Gerichtliche Anordnung befolgen? Ja Ja (eigene Gerichte)
Counter-Notice-System? Ja (für US-Firmen) Optional / DSA-Beschwerdeverfahren
Haftungsprivileg für Hoster? Ja (Section 512) Ja (Art. 6 DSA / §10 TMG)

05 / Empfohlener Umgang – Schritt für Schritt

Schritt 1: Herkunft der Mail prüfen

Kommt die Mail von einer deutschen/europäischen Behörde oder einem deutschen Gericht? Dann müsst ihr reagieren – das ist kein DMCA, das ist lokales Recht. Kommt sie von einer privaten Kanzlei, einem Unternehmen oder einem automatisierten US-Dienst? Dann ist es ein DMCA-Schreiben ohne rechtliche Wirkung für euch.

Schritt 2: Inhalt kurz prüfen

Ist der beanstandete Inhalt offensichtlich rechtswidrig (z.B. Kindesmissbrauchsmaterial, gestohlene Kreditkartendaten)? Dann handelt ihr sowieso nach eigenen AGBs und lokalem Recht – unabhängig vom DMCA. Ist es urheberrechtlich streitig, aber nicht offensichtlich illegal? Ihr seid nicht zur Löschung verpflichtet.

Schritt 3: Entscheiden

Ihr habt drei valide Optionen:

Schritt 4: Dokumentieren

Archiviert eingehende Notices und eure Reaktion (oder Nicht-Reaktion). Im unwahrscheinlichen Fall eines deutschen Verfahrens belegt ihr so, dass ihr informiert wart und nach eigenem Ermessen gehandelt habt.

Zusätzlich ist es oft sinnvoll, die DMCA-Mail transparent an den betroffenen Kunden weiterzuleiten. So kann der Kunde den Vorwurf einordnen, bei Bedarf selbst reagieren und im besten Fall größere rechtliche Probleme vermeiden, während ihr zugleich eine saubere Kommunikation dokumentiert.

06 / Musterschreiben: Freundliche Ablehnung

Optional, aber professionell. Ihr müsst nicht antworten – wenn ihr es tut, reicht dieses Muster:

Betreff: Re: DMCA Takedown Notice – [Referenz / Datum] Sehr geehrte Damen und Herren, vielen Dank für Ihre Mitteilung. Wir möchten Sie darauf hinweisen, dass unser Unternehmen seinen Sitz in [Land, z.B. Deutschland / Österreich / Schweiz] hat und ausschließlich dem dort geltenden nationalen Recht sowie dem Recht der Europäischen Union unterliegt. Der Digital Millennium Copyright Act (DMCA) ist ein US-amerikanisches Bundesgesetz und entfaltet gegenüber in der EU ansässigen Unternehmen keine rechtliche Wirkung. Wir sind daher weder rechtlich verpflichtet, auf DMCA-Notices zu reagieren, noch Inhalte auf dieser Grundlage zu entfernen. Sollten Sie der Ansicht sein, dass auf unserer Plattform Inhalte gegen geltendes deutsches oder europäisches Urheberrecht verstoßen, steht Ihnen der Rechtsweg über zuständige deutsche Gerichte offen. Mit freundlichen Grüßen, [Name / Abteilung] [Unternehmen]

Auf Englisch, falls der Absender keine deutschen Kenntnisse hat:

Subject: Re: DMCA Takedown Notice – [Reference / Date] Dear Sir or Madam, Thank you for your message. Please be advised that our company is incorporated and operates under the laws of [Germany / Austria / Switzerland / your country], and is therefore subject exclusively to the applicable national and EU law. The Digital Millennium Copyright Act (DMCA) is a US federal statute and has no legal force or effect on entities domiciled outside the United States. We are neither legally required to respond to DMCA notices nor to remove content on that basis. If you believe that content hosted on our platform infringes upon rights protected under applicable European copyright law, you are welcome to pursue the matter through the competent courts in our jurisdiction. Kind regards, [Name / Department] [Company Name]

07 / Wo ihr wirklich aufpassen müsst

Es gibt Fälle, in denen DMCA-ähnliche Mechanismen indirekt auch euch betreffen können – nicht durch den DMCA selbst, sondern durch andere Hebel:

US-Registrare und US-Infrastruktur

Habt ihr eure Domain bei einem US-Registrar (GoDaddy, Namecheap, Cloudflare, etc.) oder nutzt ihr US-amerikanische CDN-/DNS-Dienste, unterliegen diese dem DMCA. Der Rechteinhaber kann dort eine Notice einreichen und euer US-Dienstleister kann daraufhin handeln – Domain sperren, CDN-Dienst einstellen – auch ohne euer Zutun. Gleiches gilt für US-basierte Zahlungsdienstleister.

Internationaler Durchsetzungsdruck

Größere Rechteinhaber (Hollywood-Studios, Major Labels) haben manchmal das Gewicht und die Mittel, um über internationale Rechtshilfe, EU-Gerichte oder bilaterale Abkommen Druck aufzubauen. Das ist selten und aufwändig – aber möglich, wenn es um systematische Verletzungen im großen Stil geht.

Eigene AGB-Verpflichtungen

Prüft eure eigenen Nutzungsbedingungen. Habt ihr selbst Klauseln, die Kunden zur Einhaltung von Urheberrecht verpflichten und euch Handlungspflichten auferlegen? Dann sind das eure eigenen (selbstgewählten) Regeln – keine DMCA-Pflichten.

Wenn ihr Kunden weltweit bedient und auf US-Infrastruktur angewiesen seid, empfiehlt sich eine klare eigene Abuse-Policy nach lokalem Recht. Sie schützt euch besser als blindes Befolgen von DMCA-Notices.

08 / Fazit

DMCA-Mails an Hoster außerhalb der USA sind in der großen Mehrheit der Fälle rechtlich wirkungslose Massenmails. Ihr müsst weder antworten noch handeln. Das Urheberrecht, das für euch gilt, ist euer lokales Recht – und das hat ganz andere, eigene Mechanismen.

Seid dabei aber nicht leichtsinnig: Offensichtlich rechtswidrige Inhalte müsst ihr nach euren eigenen AGBs und nach europäischem Recht behandeln, unabhängig davon, wer meldet und auf welcher Rechtsgrundlage. Der DSA hat in der EU zudem neue, eigene Pflichten für Plattformen geschaffen, die ihr kennen solltet.

Kurz gesagt: DMCA → ignorieren oder freundlich ablehnen. Eigenes nationales Recht → ernst nehmen.